Einführung Jôdo Buddhismus

online-Programm

„Einführung in die Praxis des Jôdo-Buddhismus nach der Hônen-Tradition“
(aktualisiert am 9. Mai 2021)

Dieses Programm dient zur Einführung in den Jôdo-Buddhismus und die Nenbutsu-Lehre Hônen Shônins (1133-1212), dem Gründervater der Jôdo Shû.

Es setzt sich zusammen aus buddhistischen Lesetexten, individuellen Kommentaren und praktischen Übungen, die von ausgebildeten Priestern der Jôdo Shû gestaltet wurden. Herzlicher Dank gebührt hierbei vor allem Rev. Taijun Kasahara vom Rinkaian Tempel in Tokyo, für seine gut verständlichen englischsprachigen Videoanleitungen.
Die Sprache ist entweder Deutsch oder Englisch. Das Programm als Ganzes wurde von „rheinbuddhistisch“ speziell für deutschsprachige Interessierte zusammengestellt. Ein großer Teil der Texte wurde aus dem Japanischen übersetzt, vor allem aus dem „Buddhistischen Lesebuch“ der Jôdo Shû (仏教読本) – siehe Literaturauswahl am Ende dieser Seite.

Das Programm richtet sich an alle Interessierten – vor allem an diejenigen, die bisher noch keine Erfahrung mit oder Kenntnis vom „Buddhismus des Reinen Landes“ („Pure Land Buddhism“) haben.
Das Programm kann jederzeit ohne persönliche Anleitung bequem zuhause oder an anderen Orten durchgenommen werden. Wir empfehlen, nach jeder Teileinheit eine Pause einzulegen.
Gerne bieten wir auf Anfrage auch eine persönliche Begleitung z.B. per online-Konferenz an.

Es wurde, so weit möglich, bewusst auf zu viele Fachausdrücke – etwa aus dem Sanskrit, Pali oder dem Japanischen – verzichtet, um den Schwerpunkt auf die Inhalte zu legen und das Verständnis zu erleichtern. Das Programm dient zur Vermittlung einer religiösen Praxis bzw. einer „Lebens-Kunst“, und erhebt daher keinerlei wissenschaftlichen Anspruch. Eine Literaturauswahl befindet sich unten am Ende der Seite zum Herunterladen. Für eine japanologische oder in andere akademische Fachbereiche greifende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Jôdo-Buddhismus verweisen wir gerne auf die Seite des Jôdo Shû Research Institutes in Tôkyô:
Jôdo Shû Research Institute 浄土宗総合研究所 (in japanischer Sprache).

Wir hoffen, dass die hier aufgeführten Texte und Videos den Interessierten eine hilfreiche praktische Einführung in die Nenbutsu-Lehre der Hônen-Tradition verschaffen, oder zumindest einige Denkanstöße zu wesentlichen Aspekten von Leben und Tod bringen kann.
Da es sich um eine Einführung handelt, können hier selbstverständlich bei weitem nicht alle Aspekte der Lehre behandelt werden; für einen tieferen Einstieg sei z.B. auf die in der Literaturauswahl angegebenen deutsch- und englischsprachigen Publikationen verwiesen. Weiterhin sei auf unsere – zur Zeit leider nur online stattfindenden – Einführungskurse verwiesen, die in der Rubrik „Aktuelles“ angekündigt werden.

Für Fragen und Kommentare stehen wir gerne per E-Mail an konen(a)jodoshu.eu zur Verfügung.

Erster Tag: Teil 1
Ein modernes Verständnis von Religion, Amida Buddha und das Nenbutsu.

Einleitung

Situation und Stellenwert der Religion in der Gegenwart
(aus dem Japanischen übersetzt aus dem „Buddhistischen Lesebuch“ der Jôdo Shû)

Die Religion bedingt eine den Menschen übersteigende Existenz. Im Christentum ist dies Gott, im Buddhismus entspricht Buddha dieser Existenz. Das Vorhandensein Gottes oder Buddhas vorausgesetzt, kann die Religion verschiedene Ratschläge, die zu einer Lösung menschlicher Probleme hinführen, geben. Anderseits ist aber auch der negative Aspekt nicht zu verneinen, dass ein Missbrauch der Religion zu einer Geringschätzung von Existenz und Leben der Menschen führen kann. Wird der dem Menschen übergeordneten Existenz eine zu große Bedeutung beigemessen, kann daraus eine das menschliche Leben verachtende Denkweise entstehen. Hierfür sind die wahllos und unerwartet Menschen zugefügten Selbstmordattentate ein typisches Beispiel.
Wenn der Mensch mit den Problemen des Lebens konfrontiert ist und den Halt unter den Füßen verliert, dann verlangt es ihm nach einer festen Grundlage. Die Religion hat die Kraft und das Potential, diesem Verlangen entgegenzukommen. Tatsache ist aber auch, dass es ebenso Personen gibt, die sich diese Schwäche des Menschen zunutze machen möchten. Dann ist es schwierig, gut von böse oder richtig von falsch zu unterscheiden, aber gegenüber Religionen, die beispielsweise Mord rechtfertigen oder hohe Geldbeträge verlangen, ist Vorsicht geboten.
[…]
Ohne eigene Absicht wird der Mensch in diese Welt geboren und beginnt sein Dasein. Am Anfang des so begonnenen Lebens steht der einmalige Vorgang der Geburt, am Ende folgt unweigerlich der Tod. Wir haben Angst vor dem Sterben und wissen nicht, was nach dem Tod kommt. Auch das Leben bis zum Tod ist voll von Absurditäten. Hier ist es die Religion, die Hinweise zu einer Lösung der grundlegenden Probleme des menschlichen Daseins gibt. Es geht nicht nur um die Befreiung einer einzelnen Person. Seit alten Zeiten handeln religiöse Menschen als soziale Aktivisten, indem sie besonders Notleidenden und Kranken, sowie Menschen, die nur schwer im Leben zurechtkommen, freiwillig und ehrenamtlich auf verschiedene Weisen helfen. Diesen Aktivitäten wird auch in der Gegenwart als praktische Umsetzung der Geisteshaltung von Mitgefühl und Menschenliebe, die der Religion grundsätzlich innewohnt, Aufmerksamkeit geschenkt. Daher ist gegenüber der Religion mit ihren vielseitigen Aspekten zweifellos auch eine angemessene Urteilskraft erforderlich.

Neben dieser Urteilskraft ist gleichzeitig Toleranz von Wichtigkeit. Es kommt vor, dass Anhänger einer Religion ihren Blick auf andere Religionen verengen, und diese sogar ausschließen oder beleidigen. Zu einer solchen Haltung kommt es, wenn man den eigenen Standpunkt als absolute Wahrheit und alle anderen als absolut falsch beurteilt. Doch handelt es sich lediglich um die für einen selbst richtige Wahrheit, die nicht unbedingt auch für Andere richtig sein muss. Seit alters her finden Kriege und Streitigkeiten, die religiöse Konflikte zum Anlass haben, kein Ende, wobei die Ursachen in einer Haltung der Intoleranz liegen. Solange diese einseitige Sichtweise nicht aufgegeben wird, werden Kriege und Auseinandersetzungen weitergehen.

Die Methoden, sein Glück zu verwirklichen, sind von Mensch zu Mensch verschieden. Auch beim Bergsteigen gibt es Menschen, die lieber auf direktem Weg geradewegs den Gipfel erreichen möchten, und solche, die lieber in aller Ruhe den gewundenen Umweg nach oben wandern. Auch wenn das Ziel der gleiche Gipfel ist, sollte man sich bewusst sein, dass es unzählige Wege dorthin gibt, und demgegenüber Toleranz walten lassen. In unserer heutigen Gegenwart mit ihrer fortschreitenden Globalisierung verschwinden immer mehr Grenzen zwischen Ländern und Völkern, so dass ein auf Toleranz basierendes Verständnis von Andersdenkenden immer wichtiger wird.

Soweit einige Worte zu unserem Verständnis von Religion. Auf diesem Verständnis aufbauend, möchten wir nun das Tor zum Buddhismus öffnen.

(aus dem Japanischen übersetzt aus: 「仏教読本」、浄土宗出版 東京 令和2年:S. 9f.)

Für einige einführende Worte zur Jôdo Shû und ihren Grundgedanken sei nun dem Jôdo Shû – Priester Rev. Kasahara das Wort erteilt (in englischer Sprache). Zum Schluss seiner Ausführung demonstriert Rev. Kasahara noch das zehnfache Nenbutsu („O-Jûnen“):

Invitation to Jodo Buddhism (bitte anklicken)

Hier noch einmal in schriftlicher Form das zehnfache Nenbutsu „O-Jûnen“, welches in der Regel in langsamem Sprechtempo und somit intensiver praktiziert wird. Man legt die Hände zum Gasshô zusammen und spricht langsam zehn Mal hintereinander das Nenbutsu wie folgt:
Namu Amida Bu.
Namu Amida Bu.
Namu Amida Bu.
Namu Amida Bu.
Namu Amida Bu.
Namu Amida Bu.
Namu Amida Bu.
Namu Amida Bu.
Namu Amida Butsu.
(Verbeugung)
Namu Amida Bu. (möglichst langgezogen)

Das zehnfache Nenbutsu erscheint im 18. Gelübde des Amida Buddha im Sutra des Unermeßlichen Lebens: jede Person, die das Nenbutsu zehn Mal wiederholt, wird in seinem Reinen Land empfangen werden.

Wer ist oder war Amida Buddha?

Amitâ Buddha bzw. Amida Buddha ist ein Buddha, von dem Shakyamuni Buddha in seinen Lehrreden erzählte. Bevor er zum Buddha wurde, war Amida ein König und Bodhisattva namens Dharmakara. Er war keine historische Person. Nachdem er eine Belehrung des Buddhas Lokeshvararaja gehört hatte, dankte Dharmakara als König ab und legte 48 Gelübde ab, die er zur Erlangung der Buddhaschaft erfüllen wollte. Das wichtigste davon und deshalb als „Hauptgelübde“ (jap. Hongan, engl. „Original Vow“) bezeichnete Versprechen ist das 18. Gelübde, nach dem alle Lebewesen, sofern sie auch nur zehn Mal den Namen Amida Buddhas vergegenwärtigen bzw. anrufen, alleine dadurch die Geburt im Reinen Land (dem Land Amida Buddhas) und somit die Befreiung aus dem leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten erreichen können. Da Amida die Buddhaschaft erlangt hat, gelten seine Gelübde als erfüllt. Die 48 Gelübde können in deutscher Sprache in der Übersetzung des „Sutra des Unermesslichen Lebens“ von Christoph Kleine nachgelesen werden (Kleine: 24ff.).

Im Honen-Buddhismus berufen wir uns vor allem auf drei bestimmte Sutren, die in der Kurzbeschreibung der Jôdo Shû aufgeführt sind. Amida Buddha hat sein eigenes Land geschaffen, in das nach Hônens Interpretation jeder, der seinen Namen auch nur zehn Mal rezitiert, hineingeboren werden kann. Dieses Land des Amida Buddha wird das „Reine Land“ (jap. Jôdo) genannt. Aufgrund seiner Reinheit gibt es in diesem Land nichts, was uns dort bei unseren Übungen zur Erlangung der Buddhaschaft stören könnte. Es soll das prächtigste und schönste aller Buddhaländer sein und steht allen Lebewesen offen, die Zuflucht zu Amida Buddha suchen, unabhängig von ihren Taten, von ihrem Charakter, sozialer Stellung, Nationalität, Geschlecht oder anderen Eigenschaften. Wichtig ist nur die richtige Herzenseinstellung und die Praxis des Nenbutsu, auf die wir unten noch näher eingehen werden. Die Jôdo Shu hat 2014 eine offizielle englische Übersetzung der „Three Pure Land Sutras“ durch das Jôdo Shu Research Institute herausgegeben..

„Amitâ“ im Sanskrit besteht aus der Vorsilbe „A-“ im Sinne von „nicht-„, „un-„. Der zweite Teil „mitâ“ bedeutet „messen“. „Amitâ“ bezeichnet also etwas, das man nicht messen kann, das also „nicht messbar“ oder „unermesslich“ ist.
Das Wort „Buddha“ kann man etwa mit „der zur Wahrheit Erwachte“ übersetzen.
„Namo“ bedeutet „Zuflucht nehmen zu“, „anrufen“ oder „verehren“.
„Namo Amitâ Buddha“ bzw. „Namu Amida Butsu“ lässt sich also etwa mit „Ich nehme Zuflucht zu Buddha, den das menschliche Wissen nicht ermessen kann“ wiedergeben. Im Japanischen wird das „Namu Amida Butsu“ kurz als „Nenbutsu“ (etwa „Buddha im Sinn haben“) bezeichnet. Wir Jôdo-Buddhisten sprechen das Nenbutsu beispielsweise auch, wenn wir glücklich sind, traurig sind, wenn unser Geist nicht zur Ruhe kommt oder in anderen Situationen, in denen wir unsere Dankbarkeit ausdrücken möchten, um Rettung und Hilfe bitten oder unser Herz reinigen möchten.
Für Hônen Shônin (1133-1212), auf den sich unsere Jôdo Shû beruft, ist in diesem einfachen Satz „Namu Amida Butsu“ die gesamte buddhistische Lehre enthalten und ausgedrückt.

Amida Buddha hat als Bedingung für die Erlangung seiner Buddhaschaft 48 Versprechen gegeben. Von diesen betrachtet Hônen das 18. Versprechen als das „Hauptgelübde“ Amidas: dass alle Menschen, sofern sie auch nur 10 mal durch Anrufung Amidas seiner gedenken, nach ihrem irdischen Tod die Geburt in das von Amida Buddha geschaffene „Reine Land“ (jap. „Jôdo“) erlangen werden.
Amida Buddha wird auch der „Buddha des Unermesslichen Lebens“ („Amitayus“) oder „Buddha des Unendlichen Lichts“ („Amitabha“) genannt.
An dieser Stelle lassen wir noch einmal Rev. Kasahara mit einigen persönlichen Erläuterungen zu Amida Buddha zu Wort kommen:

Wer ist Amida Buddha? (bitte anklicken)

Zweiter Tag: Teil 2
Einige ausgewählte Grundgedanken des Buddhismus und die Herausbildung der Jôdo Shû in Japan.


In diesem Teil möchten wir uns mit einigen Grundlagen und Entwicklungen des Buddhismus beschäftigen, die im 12. Jahrhundert zur Entstehung des Jôdo-Buddhismus in Japan geführt haben. Dabei geht es auch um die von Rev. Kasahara angesprochene „Revolution“ des Buddhismus durch Hônen Shônin.

Shakyamuni Buddha

Der „historische“ und allgemein unter diesem Namen bekannte Buddha, Gautama Siddharta, in Japan meist Shakyamuni Buddha genannt, hat vor etwa 2500 Jahren in Indien gelebt. Er war zunächst ein Mensch wie jeder andere und hat genauso die Freuden und Leiden des Lebens gekannt wie wir. Nachdem er seine ersten Lebensjahre als Prinz in Wohlstand und Sorglosigkeit verbracht hat, begegnete er in seiner Umgebung den menschlichen Leiden wie Geburt, Alter, Krankheit und Tod, und erkannte die Vergänglichkeit des Lebens. Im Alter von 29 Jahren verließ er sein Elternhaus, um sich asketischen Übungen zu unterziehen. Mit Mitte Dreißig öffneten sich seine Augen der Wahrheit des Universums, dem sogenannten Dharma. Nachdem er in seiner Jugend Reichtum und Verschwendung im Palast seiner Eltern erfahren hatte, entschied er sich danach für sechs Jahre für ein strenges, asketisches Leben der Selbstkasteiung. Beide Extreme konnten ihm keinen inneren Frieden bringen, und so wählte er den „Mittleren Weg“ des Buddha. Das Wort „Buddha“ bedeutet etwa „ein Mensch, der zum Dharma erweckt wurde“.  „Dharma“ bezeichnet auch allgemein die buddhistische Lehre.

Durch einen Ursprung vorbestimmte Entstehung (jap. „engi“ 縁起)
Einer der buddhistischen Grundgedanken ist, dass alle Dinge aus einem Ursprung heraus entstehen. Alles auf dieser Welt ist miteinander verbunden, indem jede Entstehung und jede Wirkung eine Ursache, einen Ursprung hat. Nichts existiert aus eigener Kraft heraus, weder in einer zeitlichen noch in einer räumlichen Dimension.
Um den zeitlichen Aspekt zu verdeutlichen, nehmen wir das Beispiel der Blume. Sie fängt nicht eines Tages einfach so an zu blühen. Damit eine Blüte entstehen kann, ist zunächst ein Samen als unmittelbarer Ursprung notwendig. Zusätzlich muss der Samen in fruchtbare Erde gegeben werden, weiterhin muss es von Zeit zu Zeit regnen und die Sonne muss scheinen. Durch die Zusammenwirkung dieser Faktoren kommt es zur Entstehung der blühenden Blume.
Auf räumlicher Ebene kann man viele Beispiele anführen, z.B. existiert die Vorderseite eines Papierblattes nicht ohne die Rückseite, rechts nicht ohne links, „Eltern“ nicht ohne Kinder usw. – das eine kann nicht ohne das andere entstehen.
So ist alles auf dieser Welt miteinander durch eine Beziehung von Ursprung und Entstehung miteinander verbunden. So wie wir Menschen auch der Unterstützung anderer Menschen bedürfen, sind sie umgekehrt auch auf uns angewiesen. Diese wechselseitige Verbundenheit verlangt also als Basis und Garantie für die Gleichwertigkeit aller Menschen unseren gegenseitigen Respekt füreinander. Tatsächlich führen jedoch menschliche Begierden und Leidenschaften oft zu leidvollen Erfahrungen. Umgekehrt ermöglicht also die Überwindung dieser Begierden und Leidenschaften die Beseitigung des Leids, das durch sie entstanden ist.

Dies führt uns nun zu den Vier Wahrheiten und dem Achtfachen Aufrichtigen Weg. Die Vier Wahrheiten werden im Japanischen „shitai“ 四諦 oder auch „shishôtai“ 四聖諦(„die Vier Heiligen Wahrheiten“) genannt. Das Schriftzeichen „tai“ 諦 hat im Alltagsjapanischen meist in der Lesung „akirameru“ die Bedeutung „aufgeben, resignieren“, steht aber ursprünglich für „etwas aufklären, etwas klarmachen“ und wird daher in diesem Zusammenhang mit „Verdeutlichung“ oder üblicherweise mit „Wahrheit“ übersetzt, also etwas, das ohne Zweifel aufgeklärt bzw. offengelegt wurde.

Die Vier Wahrheiten

  1. Die Wahrheit des Leidens: das Leben ist voller Leiden. Von Geburt an hängen wir Lebewesen an Dingen und sind erfüllt von Wünschen und Begierden. Dies führt zu Leid und hindert uns daran, absolutes Glück zu erfahren. Wenn wir einmal in diese Welt hinein geboren sind, können wir nicht verhindern, dass wir altern, krank werden und eines Tages sterben. Da wir aber möglichst für immer jung, gesund und lebendig sein möchten, empfinden wir besonders diese drei Aspekte als leidvoll.
  2. Die Wahrheit der Ansammlung und Verursachung des Leidens: ein durch die Ansammlung von irdischen Begierden und Leidenschaften verschmutzter Geist (jap. bonnô 煩悩), der uns an Dingen wie Jugend oder Unsterblichkeit festhalten lässt, verursacht unser Leid.
  3. Die Wahrheit von der Erlöschung des Leidens: durch Überwindung der Begierden und Leidenschaften reinigen wir unseren Geist und können so die endgültige Befreiung von Leid erreichen. Diesen Zustand der Befreiung bezeichnen wir als „Nirvana“ (jap. „nehan“ 涅槃).
  4. Die Wahrheit des Wegs: der Achtfache Aufrichtige Weg (jap. „hasshôdô“ 八正道) ist die praktische Umsetzung des „Mittleren Wegs“, den wir zur Erlangung der Befreiung von allem Leid beschreiten.

Der Achtfache Weg sollte mit Aufrichtigkeit – also in ehrlicher Annahme der Realität – und in dem Bemühen um korrekte Wahrnehmung in die Praxis umgesetzt werden:

  1. aufrichtige Sicht der Dinge;
  2. aufrichtiges Denken;
  3. aufrichtiges Sprechen;
  4. aufrichtiges Verhalten;
  5. eine aufrichtige Lebensweise;
  6. aufrichtige Hingabe;
  7. aufrichtige geistige Hinwendung;
  8. aufrichtige Konzentration.

Wenn wir es schaffen, uns diese acht Praktiken nicht nur theoretisch, sondern mit Körper und Geist auf unser ganzes Leben anzuwenden und umzusetzen, dann befähigt uns dies zur Erkenntnis der Wahrheit von Ursache und Entstehung, zur Überwindung unserer Begierden und somit zur Befreiung vom Leid. Die Verwirklichung dieser Lebenseinstellung ist mit einem weiteren buddhistischen Grundgedanken verbunden, der Freundlichkeit (mettâ; jap. „jihi“ 慈悲). Mit dieser Freundlichkeit ist gemeint, dass wir die Freude eines anderen Menschen wie unsere eigene Freude empfinden, aber auch die Traurigkeit eines anderen als unsere eigene Traurigkeit fühlen. Wir möchte dem anderen Menschen zu innerer Ruhe verhelfen und Leid von ihm nehmen. Im Mahayana-Buddhismus versuchen wir, andere Menschen „mitzunehmen“ auf unserem Weg, um auch für sie eine Verbesserung in ihrem Leben hin zu einer Befreiung von Leid zu erreichen.

Nach seinem Erwachen zu den oben erwähnten Wahrheiten hat Gautama Siddharta durch strenge Übungen und Selbstdisziplin seine Begierden und somit jegliches Leid überwunden. Er wurde zum Buddha und erlangte die Befreiung aus dem leidvollen Kreislauf von Geburt, Alter, Krankheit und Tod aus eigener Kraft.

Verbreitung der buddhistischen Lehre

Durch diese Erfahrung wurde Gautama Siddharta zu einem besonderen, außergewöhnlichen Menschen, aber er blieb immer noch ein Mensch. Bis zu seinem Dahinscheiden im Alter von 80 Jahren lehrte Buddha die Menschen des alten Indien seinen „Mittleren Weg der Wahrheit“ und versammelte viele Schüler um sich.

Nach seinem Tod fand die buddhistische Lehre weite Verbreitung in ganz Asien. Die buddhistische Gemeinschaft (Sangha) spaltete sich in mehrere Richtungen mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten auf. Heute wird hauptsächlich zwischen Theravada- und Mahayana-Buddhismus unterschieden. Der Theravada-Buddhismus legt großen Wert auf die Einhaltung und Bewahrung der ursprünglich von Buddha festgelegten Regeln und Praktiken. Er wurde nach Sri Lanka, Bangladesch, Laos, Thailand, Kambodscha und Burma überliefert. Die Mahayana-Schule bemüht sich eher um die Interpretation der Geisteshaltung und Erleuchtung Buddhas, und ist in China, Korea, Tibet, Vietnam und Japan verbreitet.

Wie passt nun die Lehre der Jôdo Shû von der ausschließlichen Nenbutsu-Praxis, den Gelübden Amida Buddhas und der Geburt ins Reine Land mit der ursprünglichen Lehre von Shakyamuni Buddha zusammen?
Wie bereits oben erwähnt, ist das Ziel des Dharma (der buddhistischen Lehre) die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten und damit von allem Leid dieser Welt, die durch das Erwachen zu den universellen Wahrheiten, d.h. durch die Erlangung der Buddhaschaft erreicht wird. Die Frage ist nun, kann dieser Idealzustand des Buddha innerhalb eines Menschenlebens erreicht werden, innerhalb meines jetzigen Menschenlebens? Für die meisten Menschen muss diese Frage wohl mit „nein“ beantwortet werden. Wohl kaum jemand kann die Lebensweise und strenge Praxis auf genau die gleiche Weise durchführen wie Shakyamuni Buddha. Diese Tatsache würde uns jeder Hoffnung auf Befreiung berauben und eine Beschäftigung mit dem Buddhismus wohl überflüssig machen.
Allerdings gab es einen unter den zahllosen Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, der einen Weg zur Buddhaschaft gewählt hat, der für alle Menschen in diesem Leben noch erreichbar ist: Amida Buddha, der sich für das Nenbutsu (die Anrufung seines Namens) entschieden hat als praktischer Weg für alle Menschen ohne Einschränkung. Sein 18. Gelübde besagt, dass jeder, der sich Amida Buddha durch Anrufung seines Namens („Namu Amida Butsu“) auch nur zehn Mal vergegenwärtigt, in das von ihm selbst geschaffene Reine Land geboren wird. Werden wir in das Reine Land geboren, können wir uns dort ungestört und in Frieden den Übungen widmen, die uns in der nächsten Stufe direkt zur Erlangung der Buddhaschaft führen.
Das Ziel eines Jôdo-Buddhisten ist also zunächst die Geburt in das Reine Land Amida Buddhas (jap. „Gokuraku-ôjô“), um von dort aus das Nirvana als Buddha zu erreichen – und dies nicht nur für sich selbst, sondern auch für und zusammen mit seinen Mitmenschen.

Zur Herausbildung des Jôdo-Buddhismus in Japan einige Worte von Rev. Kasahara:

Background of Jôdo Buddhism (bitte anklicken)

Zur Wiederholung: das Prinzip von Ursache und Entstehung bzw. Verbundenheit mit allem wird oft mit dem Beispiel eines Baumes erklärt. Der Samen des Baumes kann nicht aus sich selbst heraus wachsen. Er braucht viele Faktoren, die ihm beim Wachsen helfen: Sonne, Wasser, Erdboden, Dünger oder auch menschliche Pflege. Durch eine angemessene Interaktion dieser Faktoren kann der Samen zu einem Baum heranwachsen. „Angemessen“ bedeutet, dass ein Gleichgewicht zwischen den Faktoren herrschen muss. Es darf nicht zu viel Sonne sein, und durch zu viel Zugabe von Wasser kann der Samen verrotten.

Im übertragenen Sinne ist damit gemeint, dass alles Lebendige und Nicht-Lebendige auf der Welt miteinander in Zusammenhang steht. Nichts existiert unabhängig voneinander oder nur aus sich selbst heraus. Auch wir Menschen sind nur ein Teil der Natur und existieren nicht unabhängig von ihr. Angefangen bei unseren Eltern und Verwandten in der Kindheit, bekommen wir immer wieder Unterstützung von Freunden, Lehrern, Kollegen und anderen Menschen in der Umgebung: von dem Verkäufer im Supermarkt, von der Ärztin im Krankenhaus, der Busfahrerin usw.. Zur Erhaltung unserer körperlichen Gesundheit brauchen wir außerdem Wasser, Wärme, Salz, Luft und Nahrung.

Ein selbstsüchtiges und anderen Wesen gegenüber gleichgültiges Verhalten widerstrebt also der buddhistischen Lehre zutiefst: wir sind nur ein Teil der großen Natur um uns herum, und existieren nicht unabhängig von ihr.

Die Kraft, die hinter diesem wechselseitigen Zusammenwirken steht, ist für uns nicht erfassbar. Sie ist im wörtlichen Sinne „un-ermesslich“. Wenn wir sie religiös interpretieren und benennen möchten, dann ist diese „andere“ Kraft (jap. „tariki“) Amida Buddha, der Buddha des Unermesslichen Lebens.

Eine gute Übung, sich dieses Verhältnis bewusst zu machen, besteht darin, uns Menschen einmal aus der Perspektive der großen Natur zu betrachten. Die „Namu Amida Butsu“ – Anrufung führt uns vor Augen, dass wir nur ein kleiner Teil der Natur sind und nicht unabhängig von ihr existieren, dass wir nur im Zusammenspiel mit anderen Lebewesen und Nicht-Lebewesen etwas Neues schaffen können. Einen Garten zum Beispiel kann man daher aus buddhistischer Sicht nicht als „menschen-gemacht“, sondern als von der Natur geschaffen bezeichnen, da der Mensch als Teil der Natur den Garten nur im Zusammenwirken mit Erde, Wasser, Sonne, Samenkörnern, Pflanzen etc. schaffen kann. Ebenso wie Pflanzen, Tiere, Flüsse usw. „ist“ der Mensch mitsamt seinen Taten und Eigenschaften Natur.

Dritter Tag: Teil 3
Hônen Shônin und die Praxis des Nenbutsu.

Honen (1133-1212) lebte zu einer chaotischen Zeit. Japan befand sich politisch in einer Übergangszeit von der Heian-Periode (794-1192) mit dem Kaiserhof in Kyoto als politischem und kulturellem Zentrum, zur Kamakura-Zeit (1192-1333), in der die Kriegerklasse die Herrschaft übernahm. Zu den kriegerischen und blutigen Auseinandersetzungen jener Zeit kamen im 12.Jh.  Naturkatastrophen wie Taifune, Erdbeben, Dürreperioden und Fluten, Epidemien sowie durch Ernteausfälle bedingte Hungersnöte, so dass man davon ausging, dass die Endzeit – im japanischen Buddhismus mappô genannt – begonnen hatte, und der Untergang der Welt bevorstand.

Die damals bereits seit Jahrhunderten etablierten buddhistischen Schulen, die Betonung auf die Befreiung von Leid und Elend „aus eigener Kraft“ durch die tägliche Praxis der Meditation über mehrere Stunden, Befolgung der strengen Ordensregeln und das anspruchsvolle Studium der Schriften legten, boten für die einfache Bevölkerung so keinen Ausweg zur Erlösung aus ihrer Situation an, da es ihr meistens an der nötigen Zeit, den finanziellen Mitteln oder den nötigen intellektuellen Fähigkeiten mangelte, die buddhistischen Übungen mit dem Ziel der Erlangung der Buddhaschaft zu praktizieren.

Dieser Gedanke ließ dem japanischen Mönch Hônen im 12. Jh. keine Ruhe. Aus seiner Sicht war es Shakyamuni Buddhas Absicht gewesen, allen Lebewesen die Möglichkeit zum Erwachen und zur Befreiung zu geben. Hônen studierte die buddhistischen Schriften intensiv und wurde im Alter von 43 Jahren endlich fündig: die Lehre von der Anrufung Amida Buddhas („Nenbutsu“) änderte sein Leben.

Das damals Neue und Besondere an Hônens Buddhismus war bzw. ist, dass er das „Nenbutsu“, das bis dahin nur einer von vielen Bestandteilen buddhistischer Zeremonien und Rituale war, zum eigenständigen und einzigen Weg zur Erlösung durch die Geburt im Reinen Land Amida Buddhas erklärte. Zu diesem Schluss kam er durch die Lektüre von Schriften des chinesischen Mönchs Shandao (Zendô, 613-681), nachdem er bereits unzählige buddhistischen Schriften und Sûtren studiert hatte.

Hier liegt auch einer Gründe für die rasche Ausbreitung von Hônens Lehre von der Erlösung durch die einfache Rezitation des Nenbutsu sowie das Vertrauen auf Amida Buddha. Seine egalitären und damals revolutionären Gedanken, dass allein durch die Praxis des Nenbutsu und die richtige Geisteshaltung ausnahmslos jeder Mensch auf direktem Wege die Erlösung erlangen kann, stellten quasi die Existenz von Priestern, Nonnen und Tempeln in Frage, und wurde daher seinerzeit von den traditionellen buddhistischen Schulen als Bedrohung angesehen.

Wenn wir das Nenbutsu „Namu Amida Butsu“ rezitieren und damit Amida Buddha oder Amitâyus, den Buddha des „Unermesslichen Lebens“ anrufen, ist das kein oberflächlicher Singsang, sondern wir gestehen uns damit auch ein, dass unser Leben nun einmal größtenteils „un-ermesslich“, also nicht immer mess- oder fassbar ist. Wir können daran nichts ändern und niemals die hundertprozentige Kontrolle erlangen. Das ist aber kein Grund, in Panik zu verfallen. Es ist in Ordnung, dass viele Dinge für uns unerklärlich und unvorhersehbar sind, wie beispielsweise der Tod.

Kein Mensch weiß, was wirklich nach dem Tod kommt. Wir können es erst wissen, wenn wir eines Tages tatsächlich sterben.
Die Religionen der Welt bieten zu dieser Frage verschiedene Antworten an – es ist eben nur eine Glaubenssache.

Als Hônen-Buddhisten glauben wir, dass es nicht in unserer eigenen Macht steht, wie es nach dem Tod weitergeht. Wir vertrauen auf die sogenannte „andere Kraft“ von Amida Buddha, dem Buddha des Unermesslichen Lebens, und auf eine Geburt hinüber in sein „Reines Land“. Gleichzeitig verleihen wir unserem Vertrauens in Amida Buddha Ausdruck durch die Anrufung „Namu Amida Butsu“, die wir möglichst oft wiederholen. Diese Anrufung ist unsere einzige, einfache Glaubenspraxis, weshalb Hônen sie auch kurz vor seinem Tod auf nur einer Seite zusammenfassen konnte (dem „ichimai kishômon“). Das bedeutet nicht, dass wir andere buddhistische Praktiken wie Meditation ablehnen. Sie können als unterstützende Praktiken zusätzlich zum Nenbutsu angewendet werden.

Amida ist kein schöpfender Gott und kein übersinnliches Wesen, sondern ein Buddha, d.h. weder hat er unsere Welt erschaffen, noch ist er verantwortlich für das Gute oder Schlechte in der Welt. Er hat durch seine Taten und die Erfüllung seiner Gelübde den Zustand eines Buddha, also die Erlösung von allem Leid, erreicht, und gibt uns durch seine Kraft die Möglichkeit, eben diesen Buddha-Zustand später auch für uns selbst zu erlangen.

Der Name „Amida“ kommt von dem Sanskrit-Wort „amitâ“ (=“unermesslich, unbegrenzt“) und setzt sich aus der Vorsilbe „a-“ („un-“, „nicht-“) und dem Wort „mitâ“ („messen“ – unserem „Meter“ verwandt) zusammen. Indem wir Amida anrufen, geben wir uns dem „nicht-messbaren“ hin, den nicht mess- oder fassbaren Aspekten unseres Lebens und Sterbens. Trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es immer noch unzählige Dinge auf der Welt, die wir nicht verstehen oder in bestimmte Maßeinheiten fassen können. Dazu gehören unvorhergesehene Ereignisse, deren Grund wir noch nicht begreifen, oder auch emotionale Reaktionen von Mitmenschen, die wir so nie erwartet hätten. Die Brüche und Haken, die unser Leben manchmal überraschenderweise schlägt, Naturkatastrophen oder Epidemien, die sich plötzlich rasant verbreiten.
Was unseren Tod angeht, können wir durch unser Vertrauen in die Kraft Amida Buddhas trotz allem gelassen und sorgenfrei dem Ende unseres Lebens entgegengehen. Dass wir gleichzeitig die „Namu Amida Butsu“ – Anrufung praktizieren, bedeutet aber auch, dass wir dennoch nicht passiv alles hinnehmen, sondern uns auch dem Leben mit all seinen Überraschungen wachsam und positiv zuwenden, um das Leid unserer Mitmenschen und anderer Lebewesen zu verringern.

Hierfür hat uns Shakyamuni Buddha durch seine Lehre u.a. von den Vier Wahrheiten und dem Achtfachen Pfad (s. oben) hilfreiche Richtlinien mitgegeben, die uns einen rationalen und gleichzeitig mitfühlenden Umgang mit Krisen und Problemen ermöglichen: das Leid bzw. Problem und seine Ursachen zunächst erkennen, in dem Bewusstsein, dass leidvolle Erfahrungen und Krisen nie ganz aus der Welt verschwinden werden; es analysieren und in seine Einzelteile zerlegen; und letztendlich beherzt an der Beseitigung des Problems arbeiten.

Das ist natürlich einfacher gesagt als getan. Immer wieder wird es dabei zu Rückschlägen kommen, zu überraschenden Entwicklungen, zu menschlichen Fehlschlägen und Misserfolgen. Oft werden wir auf die Sympathie und Unterstützung unserer Umgebung angewiesen sein, die Hoffnung auf bessere Umstände verlieren und an uns selbst zweifeln. Buddha und Hônen konnten noch keine Ahnung von den Krisen und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts haben. Aber auch zu Hônens Lebzeiten im 12.-13. Jahrhundert litten die Menschen in Japan unter Naturkatastrophen, Epidemien und kriegerischen Unruhen. Damals war Hônens Botschaft: ehrlich zu sich selbst sein, seine eigene Vergangenheit und Gegenwart so zu erkennen, wie sie ist, aber trotzdem immer an ein „danach“ zu glauben, sich im Vertrauen auf Amida Buddha dem unvorhersehbaren Leben in dieser Welt zu stellen, und letztendlich  auch auf das „unermessliche Leben“ nach dem Tod zu vertrauen. Kurz gesagt, immer zu versuchen, das Beste aus der Situation zu machen, aber keine überhöhten Erwartungen an sich selbst zu stellen.

Diese Lebenseinstellung ist zeitlos und kann uns auch heute noch helfen, mit schwierigen Situationen umzugehen. Das Vertrauen in Amida Buddha schenkt uns also eine durch und durch zukunftsgewandte Sicht der Dinge. Es geht nicht nur um ein bloßes „Leben im hier und jetzt“, ohne an ein Morgen zu denken. Es kommt nur darauf an, regelmäßig das Nenbutsu zu praktizieren.

Praxis des Nenbutsu

Das erste Wort des Nenbutsu, „namu“, kommt ursprünglich aus dem Sanskrit (namas) und wurde im Chinesischen mit den Schriftzeichen 南無 transkribiert, die im Japanischen namu ausgesprochen werden. „namas“ hat die Bedeutung „Verehrung der/dem…“ oder „ich nehme Zuflucht zu…“ im Sinne einer Anrufung oder Begrüßung, und ist mit dem heutigen indischen Gruß „Namaste“ verwandt.

Jemanden oder etwas zu verehren, oder „Zuflucht zu jemandem nehmen“, hat natürlich auch immer mit Glauben und Vertrauen zu tun.  Glaube und Vertrauen sind wie „sich Verlieben“: es ist nicht immer mit Logik oder rationalen Argumenten zu erklären, warum man sich ausgerechnet in diese eine Person verliebt hat, oder warum man dieser einen Person sein volles Vertrauen schenkt. Man hat einfach ein gutes Gefühl dabei.

Daher gibt es für Hônen nur einen emotionalen und keinen intellektuellen Zugang zum Nenbutsu. Es braucht keinen großen theoretischen Überbau und keine komplizierten philosophischen Doktrinen, um das Nenbutsu zu praktizieren. Wichtig ist für Hônen nur, daß das Nenbutsu unabhängig von Alter, sozialer Stellung, Geschlecht, Vermögen oder anderen Kategorisierungen mit der richtigen Herzenseinstellung praktiziert wird, die von drei Aspekten herrührt: das „tiefgehende“ Herz, das von tiefem Glauben an die Wirkung des Nenbutsu im Hinblick auf die Geburt im Reinen Land des Amida Buddha erfüllt ist; das „wahrhaftige“ Herz, das ehrlich zu sich selbst ist und sich selbst mit allen Fehlern und Schwächen so akzeptiert, und voll auf die Kraft des Amida Buddha vertraut; sowie das „verdienst-widmende“ Herz, das alle eigenen Verdienste – vor allem die Praxis der Nenbutsu-Rezitation – der Geburt im Reinen Land für alle Menschen widmet.

Es folgt eine praktische Demonstration des Nenbutsu durch Rev. Kasahara:

Practice of Nenbutsu

Und hier noch eine längere Version, das „Nenbutsu Ichie“ (mehrfache Rezitation) am Canchiin-Temple in Tokyo:

Nenbutsu-Rezitation lang

Die genaue Anzahl der Rezitationen beim mehrfachen Nenbutsu bleibt jedem Menschen selbst überlassen. Wir können uns also z.B. morgens und abends, aber auch zu jeder anderen Tages- und Nachtzeit Zeit für die Rezitation nehmen – egal ob auf einem Stuhl, im Liegen, in der Badewanne oder unter der Dusche, beim Geschirrspülen, Autofahren, Spazierengehen etc..

Vierter Tag: Teil 4
Das Alltags-Ritual der Jôdo Shû: das „Otsutome“.

Für diejenigen, die ein Bedürfnis nach einem intensiveren und ausführlicheren Ritual haben, sei zum Schluss noch das „Otsutome“, das Alltags-Ritual der Jôdo Shû vorgestellt. Es wird vor allem in unseren Tempeln praktiziert und enthält die Grundzüge unserer Lehre. Während das Nenbutsu in zehnfacher oder mehrfacher Form unsere tägliche Glaubenspraxis darstellt, kann das Otsutome auch „optional“ auf freiwilliger Basis durchgeführt werden, z.B. einmal in der Woche oder einmal im Monat. Rev. Kasahara vom Rinkaian bietet auf seiner Website einmal im Monat ein online-Otsutome zum Zusehen und (freiwilligem) Mitmachen an: Rinkaian Tempel .

Zunächst hier der gesamte Text des Otsutome mit Einführung und vollständiger deutscher Übersetzung:

Hier eine Rezitation des Otsutome in englischer Sprache:

Basic OTSUTOME (English)

Hier das Otsutome in japanischer Sprache rezitiert:

Otsutome (Japanisch)

Nachwort

Der japanische Buddhismus des Reinen Landes ist in Europa außerhalb buddhistischer Kreise noch weitgehend unbekannt. Demgegenüber haben die verschiedenen buddhistischen Schulen und Glaubenslehren der Tradition des Reinen Landes in Japan und Asien zahlenmäßig bei weitem die meisten Anhänger im Vergleich zu anderen buddhistischen Richtungen.

Die Jôdo Shû, als Hônen Shônins Glaubensgemeinschaft vor beinahe 850 Jahren ins Leben gerufen, ist in Japan heute eine der großen buddhistischen Schulen (so werden üblicherweise die verschiedenen Konfessionen innerhalb des japanischen Buddhismus genannt). Im Gegensatz zum im Westen allgemein bekannten Buddhismus (Theravada, Zen, Tibetischer Buddhismus etc.) sind Meditations- und Konzentrationsübungen nicht wesentlicher Bestandteil der Glaubenspraxis, sondern hauptsächlich die einfache Rezitationsübung des „Nenbutsu“.

Jôdo-Buddhisten sehen den Buddhismus insgesamt als universell gemeinte Lehre zur Befreiung für alle Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Nationalität, Fähigkeiten etc.. Daher verliert der Buddhismus seinen wahren Sinn, wenn Menschen davon ausgeschlossen sind, nur weil sie nicht die nötigen Fähigkeiten oder Voraussetzungen (etwa zur Meditation oder zur Einhaltung der Ordensregeln) mitbringen. Hier erschließt sich die tiefere Bedeutung des Jôdo-Buddhismus als universeller Weg zur Befreiung von Leid, Gier, Hass etc., und als ebenso „echter“ Buddhismus neben dem sogenannten „heiligen Weg“ der Meditation und der Befolgung strenger Ordensregeln.

Der Buddhismus stammt aus Indien und hat sich von dort aus in Ostasien verbreitet. In Regionen wie Südostasien, China, der Mongolei, Tibet, Korea und Japan hat er sich jeweils den lokalen Kulturen angepasst und so in jeder Region eine eigene, spezielle Ausprägung erfahren. In Europa ist er noch auf dem Weg dorthin. Der Buddhismus ist an keine bestimmte Region oder Kultur fest gebunden und wird daher zu den großen Weltreligionen gezählt.

Unsere Gemeinschaft bekennt sich zu den universellen Menschenrechten und sieht in der buddhistischen Lehre auch eine positive geistige Ergänzung zu den Erkenntnissen der Wissenschaft, im Sinne einer ganzheitlichen, aber regional unterschiedlich ausgeprägten und differenzierenden Weltanschauung.

Es ist so, wie es Carl B. Becker in seinem Beitrag „Embracing the Pure Land Vision: Coming to Grips with Dying through Living” in dem Buch “Never die alone” von Jonathan Watts und Yoshiharu Tomatsu (Hrsg.) formuliert hat: weder Buddha noch Hônen hätten sich zu ihren Lebzeiten wohl vorstellen können, mit welchen Problemen unsere moderne Welt heute konfrontiert ist: globale Erwärmung und Umweltzerstörung, die Kluft zwischen Reich und Arm, Bildung und Arbeitslosigkeit, die Frage des geistigen Eigentums, medizinische Versorgung, bewusstseinsverändernde Drogen und genetisches „Engineering“ usw.. Hinzu kommen aktuell natürlich noch eine Viren-Pandemie und andere neue Herausforderungen. Aber die Prinzipien, die Honen und die anderen „alten Weisen“ lehrten, können von uns erweitert und auf unsere heutigen globalen und persönlichen Probleme angewendet werden. Nur wenn wir es schaffen, dies umzusetzen, hat der Buddhismus als „Way of Life“ und Lebenshilfe eine Zukunft in unserem Leben und in der Welt (Tomatsu/Watts 2008: 89).

Quellen- und Literaturauswahl: